Arbeiterwohlfahrt – Neues Hilfsprojekt für „Menschen in verwahrlosten Haushalten“ soll vor Kündigung schützen

Chaos im Kopf und in der Wohnung

von Ulrike Glage

REUTLINGEN. Die Reutlinger Arbeiter­wohlfahrt (AWO) kümmert sich schwer­ punktmäßig um Leute, die obdachlos sind oder denen der Verlust ihrer Wohnung droht. Das neueste Projekt will nicht so recht ins Schema passen: »Hilfe für Men­- schen in verwahrlosten Wohnungen« ist es sperrig tituliert. »Verwahrlost« steht für extrem vermüllte, für mit nutzlosen Gegenständen zugebaute Wohnungen. Die Bewohner: Messies. Das  Chaos, in dem sie leben, spiegelt das Chaos in ihrem Kopf wider. Ein Fall für den Psychologen. Und die AWO: Sie versucht, Kündigungen, Räumungsklagen und Obdachlosigkeit abzuwenden.

Im Frühjahr startete das Projekt, das federführend vorn Kreissozialamt koordi­niert wird . Messie-Haushalte sind den AWO-Mitarbeitern nicht neu. Schon gar nicht Rita Wilde, Bettina Kupferschmidt und Henriette Nsangou vom Ambulant Betreuten . Wohnen. Ihr Ziel ist es, den Wohnraum der Klienten zu erhalten. »Es gibt immer wieder Fälle von stark vermüllten Haushalten«, berichtet Rita Wil­de. Sozialpsychiatrischer Dienst, Kreissozialamt, Gesundheitsamt oder eben die AWO: Die verschiedenen Akteure, die mit dem Messie-Problem befasst sind, entschlossen sich, zwecks besserer Koordi­nation den Sonderdienst »Hilfen für Menschen in verwahrlosten Haushalten« einzurichten.

Anlaufstelle ist das Kreissozialamt, die der Arbeiterwohlfahrt die Fälle zuweist. Derzeit betreut jede Mitarbeiterin zwei Klienten. »Eine allein kann das nicht machen«, sagt Rita Wilde. .Nach außen hin führen Messies oft ein ganz normales Leben. Wie es in ihnen und in ihrer Wohnung aussieht, bekommt niemand mit: Aus Scham schatten sie sich ab, geraten zunehmend in die Isolation. Hinweise aus dem Umfeld, Geruchsbelästigung en oder Handwerker, die in die Wohnung müssen können Gründe sein, dass die Vermüllung auffällt - und möglicherweise der Vermie­ter mit Kündigung droht. Die Zahl sei bei­spielsweise angestiegen, als Rauchmelder Pflicht wurden, berichtet Rita Wilde. ·

So unterschiedlich wie die Klienten sind die »Wohnlagen«, sagt Bettina Kup­- ferschmidt. Da gibt es die total verdreckten Wohnungen, in denen sich über Jahre der Unrat angesammelt hat. Mit entsprechenden hygienischen Begleitumständen: Maden, Schimmel, Ungeziefer. »Da brauchen wir spezielle Dienstleister, die sich nicht scheuen, die >Tatiortreinigung< zu machen« sagt Rita Wilde. Andere Messies horten. Der extremste Fall, den die Sozialarbeiterin erlebt hat: Schon die Türe zur Wohnung zu öffnen, gelang ihr kaum. Gegenstände stapelten sich fast bis zur Decke. Der Durchgang zu den Zimmern war so schmal, dass sie ihre Tasche vor den Körper nehmen musste. In den Zimmern sah es nicht viel anders aus. »Da haben sich Türme von Sachen aufgebaut in den letzten 20 Jahren.« Die Folge: Put­zen funktioniert nicht mehr, Lüften auch nicht.

»Sie sehen nur den großen Berg, der sie total überfordert«

Aber wie leben in einer Wohnung, in der kaum Raum zum Bewegen und Atmen ist? Die Wahrnehmung der Menschen, sagt Bettina Kupferschmidt, ändert sich.

»Sie blenden es aus.« Ihre Aufgabe und die der Kolleginnen sei es, den Messies zu spiegeln, dass etwas nicht in Ordnung ist.

»Manchmal kommt man an einen Punkt, wo Verzweiflung und Überforderung zu spüren sind.«

Was für die Außenstehenden Müll ist, betrachten die zwanghaften Sammler als »ganz wertvolle Sachen«, sagt Rita Wilde.

»Man muss sie überzeugen, dass sie die Wohnung und eben auch die Sachen ver-­ lieren, wenn sie sich .nicht trennen .« Die Betroffenen selbst müssten aber bereit sein, ihre Situation zu ändern. Schwierig genug, »denn Druck von außen ist ja nicht da«. Dabei geht das Horten möglicherwei­se auch andere an. Vor allem in Mehrfami­lienhäusern. Wenn sich Zeitungen bis zur Decke türmen, kann das eine Brandgefahr sein. Sammelt jemand schwere Gegen­ stände, können statische Schwierigkeiten die Folge sein.

Die einen horten, die anderen schaffen die einfachsten Haushaltsarbeiten nicht mehr. Sie spülen nicht ab, räumen nicht auf, putzen nicht. »Das ist nicht das Los­ lass-Problem, sondern geht Richtung Verwahrlosung«, erklärt Bettina Kupfer­ schmidt. Psychische Probleme, aber auch Sucht oder chronische Erkrankungen könnten Ursache sein.

Die meisten Klienten, berichten Rita Wilde und Bettina Kupferschmidt, sind einsichtig. »Die wissen, dass sie Hilfe brauchen, und sind froh, dass jemand kommt und sie unterstützt.« Zeitungsstapel nach und nach runterbauen, Gelbe Säcke füllen - in kleinen Schritten wird das Chaos gelichtet. »Sie sehen nur den großen Berg, der sie total überfordert, und wissen nicht, wo anfangen«, so Rita Wilde. Die Altersspanne der Klienten reicht von 30 bis 75 Jahre. Bei den Jüngeren, erklärt Bettina Kupferschmidt, geht es um die Lebensperspektive: Wege müssen gefunden werden, wie sie ihren Haushalt alleine meistern können. Die Älteren bringen diese Kraft oft nicht mehr auf . Dann müssen Pflege- oder Haushaltshilfen organisiert werden.

In einer zweirnonatigen Kontaktphase wird ein Hilfeplan ausgearbeitet. »Wir besprechen, wie es Schritt für Schritt wei­tergehen soll«, sagt Rita Wilde. Ganz wichtig: Die Klienten müssen mitziehen. Eine Intensivphase mit doppelt so viel Zeit für den Einzelnen folgt. Wenn es so weit kommt, dass Spezialfirmen die Wohnungen ausräumen müssen, sind die AWO-Mitarbeiterinnen dabei. Denn hortende Messies trennen sich nur schwer von ihren »Schätzen«, weiß Rita Wilde. Deshalb ist es mit dem Ausmisten nicht getan: Lernen, loszulassen, gehört mit zur Problemlösung. (GEA)

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